Die Vorsteher der Tuchmacherzunft, Rembrandt van Rijn, 1662
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Vendokratie

Wer entscheidet, wie gearbeitet wird

Erschienen: 03.2026 Lesezeit: 4:30 min

Vendorokratie: Substantiv, f.
Wenn der Lieferant erklärt, was sinnvoll ist.
Und die Entscheider es nicht mehr selbst beurteilen können.

Die Entscheidung ist gefallen. Das System ist ausgewählt, der Vertrag steht kurz vor Abschluss oder ist bereits unterschrieben. Was noch fehlt, wird später geklärt.

Die Lösung wirkt schlüssig. Sie ist klar erklärt, durchdacht, anschlussfähig. Es gibt wenig Anlass, sie zu hinterfragen – nicht, weil sie sicher passt, sondern weil sie überzeugend präsentiert wurde.

Von diesem Moment an verschiebt sich etwas.

Es wird nicht mehr gefragt, was gebraucht wird, sondern wie sich das, was gebraucht wird, in das übersetzen lässt, was bereits vorgesehen ist.

Eine Frage taucht dabei fast zwangsläufig auf: Passt sich Software hier den Prozessen an oder die Prozesse der Software?

Entscheidend ist nicht, ob das stimmt.
Sondern wann entschieden wurde, dass es stimmen muss.

Das Problem ist nicht das Tool

Die Tools sind selten das Problem. Es ist die Wahl des Werkzeugs.

Kein Bäckermeister würde sich einen Vulkanisierofen andrehen lassen, nur weil der Anbieter überzeugt aufgetreten ist und das Gerät technisch einwandfrei funktioniert, und Ofen ist Ofen, der lässt sich anpassen.

Die Frage ist nicht, ob das Werkzeug gut ist. Die Frage ist, ob es die Lösung für das eigentliche Problem ist.

In der IT passiert genau das regelmäßig – doch es fällt seltener auf, weil das Wort „Tool" etwas Abstraktes suggeriert.

Wir dürfen nicht vergessen: Dabei geht es um sehr konkrete Werkzeuge der eigenen Wertschöpfung, die Abläufe prägen, Entscheidungen strukturieren und Menschen in ihrer Arbeit formen. Ein falsch gewähltes Tool ist kein kleines Missgeschick. Es ist eine Weichenstellung mit Nachwirkungen.

Das Problem entsteht nicht, weil Anbieter schlechte Lösungen liefern. Sie liefern meist gute. Das Problem entsteht dort, wo eine Lösung für ein unverstandenes Problem eingesetzt wird, und Angebote eine Richtung setzen.

Warum es passiert

Das hat wenig mit fehlender Kompetenz zu tun.
Die Muster sind bekannt, und sie entstehen unter echtem Druck.

Budgets werden freigegeben. Entscheidungen müssen getroffen werden. Zeit fehlt, Komplexität soll reduziert werden, Sicherheit wird gesucht.

Anbieter liefern exakt das:
klare Antworten,
klare Strukturen,
klare Versprechen.

Auf der anderen Seite steht die eigene Organisation – verteilt auf Rollen, Abteilungen, Verantwortlichkeiten, mit Wissen, das vorhanden ist, aber selten zusammenkommt.

Die, die entscheiden, tragen das Risiko. Die, die es betrifft, sitzen oft nicht mit am Tisch. Und zwischen beidem entsteht eine Lücke, die sich leicht füllen lässt – mit dem, was bereits da ist.

Vendokratie fühlt sich dabei nicht falsch an. Die Richtung ist da, bevor sie erarbeitet werden muss. Die Struktur steht, bevor sie verstanden ist. Man greift zu, weil es passt. Oder zumindest so wirkt. Was folgt, ist Umsetzung – und mit ihr die Gewissheit, dass man vorankommt. Bis sichtbar wird, dass man sich nur bewegt hat.

Was dann entsteht

Nach außen wirkt alles schlüssig. Die Entscheidung ist getroffen, das System steht, die Umsetzung läuft.

Und doch beginnt Friktion. Nicht sofort und selten laut.
Ein zusätzlicher Schritt hier, eine Tabelle dort, Absprachen, die nicht im System existieren.

Dinge, die funktionieren müssen, funktionieren neben dem System. Informationen werden doppelt gepflegt, weil sie an der vorgesehenen Stelle nicht passen. Teams organisieren sich selbst, weil das System ihre Realität nicht abbildet.

Es entsteht, was auf den ersten Blick wie Umsetzungsprobleme aussieht – in Wahrheit aber Erkenntnisse sind. Erkenntnisse darüber, dass der Problemraum übersprungen wurde. Dass die Entscheidung stattfand, bevor das Problem verstanden war. Dass aus einem Lösungsangebot eine Richtung wurde, ohne dass jemand explizit Ja gesagt hat.

Viel Bewegung.
Aber kein Fortschritt.

Was das bedeutet

Diese Friktion zeigt sich selten in Präsentationen. Sie zeigt sich im Alltag. In Gesprächen, in denen etwas nicht aufgeht. In Rückmeldungen, die sich nicht sauber einordnen lassen.

Bei Menschen, die mit den Systemen arbeiten und ihre Auswirkungen spüren, lange bevor sie messbar werden.

Sie haben oft kein vollständiges Bild. Aber ein klares Gefühl dafür, dass etwas nicht stimmt.
Was ihnen fehlt, ist nicht Verständnis.
Sondern Einfluss.

Oft werde ich genau in diesem Moment dazu geholt – nicht um zu verstehen, sondern um umzusetzen. Wo es möglich ist, gehe ich einen Schritt zurück. Nicht weit. Nur genug, um zu sehen, was hier eigentlich passiert. Und was diese Menschen längst wissen.

Die Entscheidung zurückholen

Der Ausweg liegt nicht darin, Tools abzulehnen oder Anbieter zu misstrauen.
Er liegt darin, die richtige Reihenfolge wiederherzustellen.

Anbieter tun genau das, wofür sie da sind: Sie liefern Antworten, strukturieren Komplexität, reduzieren Unsicherheit. Das ist ihre Aufgabe, und sie erfüllen sie oft gut.

Die Fähigkeit zu entscheiden, welches Problem gelöst werden soll – und ob das vorgeschlagene Werkzeug dazu passt – liegt im Unternehmen. Wenn sie nicht genutzt wird, passiert die Entscheidung eben woanders.

Das bedeutet konkret: Wer ist nicht im Raum, obwohl er die Auswirkungen trägt? Wo entsteht Reibung, bevor sie messbar wird? Was wird gerade als gegeben angenommen, ohne es zu hinterfragen? Und vor allem: Wird hier ein Problem gelöst – oder eine Lösung angewendet?

Vendokratie erkennt man selten im Moment der Entscheidung. Sondern danach.
Wenn Systeme stehen, Prozesse laufen und die ersten Reibungen sichtbar werden.
Wenn sich zeigt, dass viel entschieden wurde, nur nicht das Richtige.

Die Frage ist nicht, welches System eingeführt wird und wer entschieden hat, dass es das Richtige ist.
Entscheidend ist, ob dieser Moment überhaupt stattgefunden hat.